Die aktuelle Diskussion um Uwe Bolls Film „Citizen Vigilante“ zeigt, wie schnell Begriffe wie „Zensur“, „Verbot“ oder „Sperre“ in sozialen Medien verwendet werden. Nach aktueller Berichterstattung hat die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft dem Film kein FSK-Kennzeichen erteilt. Boll sieht darin eine Form von Zensur. Viele Kommentatoren verstehen die Entscheidung als faktisches Filmverbot.
Juristisch ist die Sache differenzierter. Die FSK kann Filme nicht verbieten. Eine verweigerte Kennzeichnung ist kein Strafurteil, keine Beschlagnahme und keine Indizierung. Für Produzenten, Verleiher, Kinos und Streaminganbieter kann eine fehlende FSK-Freigabe wirtschaftlich aber gravierende Folgen haben, so dass der Film im regulären Markt sehr schwer auswertbar ist.
Dieser Beitrag erklärt in Form eines FAQ, was die FSK darf, was die BzKJ macht, was Indizierung bedeutet und warum ein Film ohne FSK-Kennzeichen nicht automatisch verboten ist.
Worum geht es bei der aktuellen Diskussion um Uwe Boll?
Im Mittelpunkt steht der Film „Citizen Vigilante“ von Uwe Boll. Der Film soll nach der aktuellen Berichterstattung keine FSK-Kennzeichnung erhalten haben. In der öffentlichen Debatte wird dies teilweise als Zensur oder als Verbot bezeichnet.
Ob die konkrete Entscheidung der FSK inhaltlich richtig ist, lässt sich ohne vollständige Sichtung des Films und der Entscheidungsgründe nicht seriös bewerten. Die rechtlichen Folgen einer solchen Entscheidung lassen sich aber erklären.
Wichtig ist die Unterscheidung zwischen drei Ebenen: Die FSK prüft Altersfreigaben. Die Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz (BzKJ) kann bestimmte nicht durch FSK oder USK (das Äquivalent bei Computergames) gekennzeichnete oder sonst relevante Medien indizieren. Strafgerichte entscheiden über strafbare Inhalte, Beschlagnahmen und Einziehungen.
Diese Ebenen werden in der öffentlichen Diskussion oft vermischt.
Was ist die FSK?
FSK steht für Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft. Sie prüft Filme, Serien, Trailer und andere filmische Inhalte darauf, ab welchem Alter sie Kindern und Jugendlichen zugänglich gemacht werden dürfen.
Die bekannten Altersstufen sind:
Freigegeben ohne Altersbeschränkung, also FSK 0.
Freigegeben ab 6 Jahren.
Freigegeben ab 12 Jahren.
Freigegeben ab 16 Jahren.
Keine Jugendfreigabe, also FSK 18.
Die FSK entscheidet nicht darüber, ob ein Film künstlerisch gut, politisch richtig oder moralisch akzeptabel ist. Sie prüft aus Sicht des Jugendschutzes, ob Kinder oder Jugendliche durch einen Film in ihrer Entwicklung beeinträchtigt werden können.
Ist die FSK eine staatliche Zensurbehörde?
Nein. Die FSK ist keine staatliche Behörde, schon gar nicht eine Zensurbehörde. Sie ist eine Einrichtung der Filmwirtschaft, die in einem gesetzlich geregelten Verfahren mit den zuständigen Landesjugendbehörden zusammenarbeitet.
Das deutsche System soll gerade verhindern, dass der Staat jeden Film vorab genehmigen muss. Hintergrund ist auch die historische Erfahrung mit staatlicher Filmzensur. Das Grundgesetz verbietet Zensur ausdrücklich. Deshalb arbeitet Deutschland im Filmbereich mit einem Modell regulierter Selbstkontrolle.
Das bedeutet aber nicht, dass FSK-Entscheidungen bedeutungslos wären. Im Gegenteil: Für Kino, Streaming, DVD, Blu-ray, Fernsehen, Werbung und Handel haben FSK-Kennzeichen erhebliche praktische Bedeutung.
Was prüft die FSK genau?
Die FSK prüft, ob ein Film für bestimmte Altersgruppen entwicklungsbeeinträchtigend sein kann.
Dabei geht es zum Beispiel um Gewalt, Angst, Sexualität, Sprache, Drogen, Diskriminierung, Selbstjustiz, Identifikationsfiguren und die Frage, ob problematisches Verhalten kritisch eingeordnet oder eher verherrlicht wird.
Entscheidend ist nicht nur eine einzelne Szene. Die FSK beurteilt den Film als Gesamtwerk. Eine drastische Szene kann je nach Kontext unterschiedlich bewertet werden. Ein Film kann Gewalt kritisch zeigen oder Gewalt als scheinbar richtige Lösung darstellen. Genau dieser Unterschied ist für den Jugendschutz zentral.
Prüft die FSK auch, ob ein Film strafbar ist?
Nicht im eigentlichen Sinne. Die FSK ist keine Staatsanwaltschaft und kein Strafgericht.
Sie prüft in erster Linie Jugendschutz. Wenn sich im Verfahren Hinweise auf strafrechtliche Probleme ergeben, kann dies allerdings dazu führen, dass kein Kennzeichen erteilt wird. Die abschließende Entscheidung über Strafbarkeit liegt aber bei Staatsanwaltschaften und Gerichten.
Ein Film kann trotz FSK-Freigabe später strafrechtlich beanstandet werden. Umgekehrt kann ein Film keine FSK-Kennzeichnung erhalten, ohne dass er deshalb automatisch strafbar wäre.
Was bedeutet „Keine Kennzeichnung“?
„Keine Kennzeichnung“ bedeutet: Die FSK vergibt keine der gesetzlichen Altersfreigaben. Der Film erhält also weder FSK 0, noch FSK 6, 12, 16 oder 18.
Das ist nicht dasselbe wie „verboten“.
Die Entscheidung bedeutet zunächst nur, dass der Film nicht in das System der Alterskennzeichen eingeordnet wird. Gründe können zum Beispiel eine schwere Jugendgefährdung, eine problematische Gewaltdarstellung, Selbstjustiz als positives Leitbild oder andere erhebliche Jugendschutzbedenken sein.
Eine verweigerte Kennzeichnung ist aber keine Indizierung, keine Beschlagnahme, keine Einziehung und kein allgemeines Aufführungsverbot.
Kann die FSK einen Film verbieten?
Nein. Die FSK kann keinen Film verbieten.
Ein echtes Verbot kann sich nur aus anderen rechtlichen Gründen ergeben, insbesondere aus dem Strafrecht oder aus gerichtlichen Entscheidungen. Denkbar sind etwa Fälle von Volksverhetzung, strafbarer Gewaltdarstellung, verfassungsfeindlicher Propaganda oder bestimmten pornografischen Inhalten.
Ob ein Film strafbar ist, entscheiden nicht die FSK-Prüfer, sondern die Strafverfolgungsbehörden und Gerichte.
Darf ein Film ohne FSK-Kennzeichnung im Kino gezeigt werden?
Grundsätzlich kann ein nicht gekennzeichneter Film Erwachsenen öffentlich vorgeführt werden. Minderjährige müssen dann zuverlässig ausgeschlossen werden.
Das bedeutet praktisch: Der Kinobetreiber trägt ein eigenes rechtliches Risiko. Er muss sicherstellen, dass keine Kinder oder Jugendlichen Zugang erhalten. Außerdem sollte vorab geprüft werden, ob der Film möglicherweise schwer jugendgefährdend, indiziert oder strafrechtlich problematisch ist.
Eine Vorführung ausschließlich vor Erwachsenen ist also nicht automatisch verboten. Sie ist aber rechtlich und wirtschaftlich riskanter als die Vorführung eines Films mit FSK-Kennzeichen.
Warum heißt es dann oft, der Film dürfe nicht gezeigt werden?
Weil zwischen rechtlicher Möglichkeit und wirtschaftlicher Realität ein großer Unterschied liegt.
Ein Film ohne FSK-Kennzeichnung wird im regulären Markt kaum verwertbar sein. Große Kinoketten, Streamingdienste, Fernsehsender, Händler und Plattformen wollen keine ungeklärten Jugendschutz- und Strafrechtsrisiken übernehmen. Auch Werbung, Pressearbeit und Vertrieb sind deutlich schwieriger.
Rechtlich ist das kein klassisches Verbot. Wirtschaftlich kann es aber ähnlich wirken. Für Produzenten kann eine verweigerte FSK-Kennzeichnung bedeuten, dass ein wichtiger Markt praktisch wegbricht.
Was ist der Unterschied zwischen FSK 18 und „Keine Kennzeichnung“?
FSK 18 heißt offiziell „Keine Jugendfreigabe“. Der Film darf Kindern und Jugendlichen nicht zugänglich gemacht werden, ist aber für Erwachsene regulär gekennzeichnet.
„Keine Kennzeichnung“ bedeutet dagegen: Der Film erhält überhaupt kein gesetzliches Alterskennzeichen. Er ist damit nicht regulär im FSK-System eingeordnet.
Dieser Unterschied ist enorm. FSK 18 ist ein normales Marktkennzeichen. Der Film kann für Erwachsene vertrieben, beworben und gezeigt werden, soweit keine anderen Verbote eingreifen.
Ein Film ohne Kennzeichnung ist dagegen ein Risikoprodukt. Er kann Erwachsenen zwar unter bestimmten Voraussetzungen gezeigt werden, aber viele Marktteilnehmer werden eine Auswertung ablehnen.
Was ist die BzKJ?
BzKJ steht für Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz. Früher war in diesem Zusammenhang oft von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien die Rede.
Die BzKJ vergibt keine FSK-Altersfreigaben. Ihre zentrale Aufgabe ist unter anderem die Führung der Liste jugendgefährdender Medien. Wird ein Medium in diese Liste aufgenommen, spricht man von Indizierung.
Was ist eine Indizierung?
Eine Indizierung bedeutet, dass ein Medium als jugendgefährdend in die Liste jugendgefährdender Medien aufgenommen wird.
Das führt nicht automatisch dazu, dass Erwachsene den Film nicht mehr sehen dürfen. Es führt aber zu erheblichen Beschränkungen. Indizierte Medien dürfen Kindern und Jugendlichen nicht zugänglich gemacht werden. Sie dürfen grundsätzlich nicht offen beworben, nicht frei präsentiert und nicht ohne Alterskontrolle vertrieben werden.
Für den Markt ist eine Indizierung deshalb gravierend. Ein indizierter Film verschwindet zwar nicht zwingend vollständig, aber er verliert den normalen öffentlichen Vertriebsweg.
Kann die BzKJ einen Film indizieren, wenn er bereits ein FSK-Kennzeichen hat?
Grundsätzlich nein.
Das ist ein besonders wichtiger Punkt. Hat ein Film ein reguläres FSK-Kennzeichen erhalten, also FSK 0, 6, 12, 16 oder 18, ist eine spätere Indizierung dieser gekennzeichneten Fassung grundsätzlich ausgeschlossen.
Das gilt auch für FSK 18. Die Altersstufe „Keine Jugendfreigabe“ bedeutet gerade: Der Film ist nicht für Minderjährige freigegeben, wird aber nicht als so jugendgefährdend eingestuft, dass ihm jedes FSK-Kennzeichen verweigert werden müsste.
Ein FSK-Kennzeichen ist daher mehr als nur ein Altersaufkleber. Es schafft Marktsicherheit und schützt die konkrete gekennzeichnete Fassung grundsätzlich vor einer späteren Indizierung durch die BzKJ.
Wann kann die BzKJ dann einschreiten?
Die BzKJ wird vor allem dann relevant, wenn ein Film kein FSK-Kennzeichen hat.
Nicht gekennzeichnete Filme können auf Antrag oder Anregung indiziert werden. Das ist einer der Gründe, warum eine verweigerte FSK-Kennzeichnung so problematisch ist. Der Film ist nicht automatisch verboten, aber er steht jugendschutzrechtlich deutlich unsicherer da.
Relevant können außerdem abweichende Fassungen sein. Wenn ein Film in einer bestimmten Fassung ein FSK-Kennzeichen hat, bedeutet das nicht automatisch, dass jede andere Fassung geschützt ist. Eine ungekürzte, veränderte oder anders zusammengesetzte Version kann rechtlich neu zu bewerten sein.
Was bedeutet das Verhältnis zwischen FSK und BzKJ praktisch?
Das Verhältnis lässt sich so zusammenfassen:
Ein Film mit FSK-Kennzeichen ist altersmäßig eingeordnet und grundsätzlich vor Indizierung geschützt.
Ein Film mit FSK 18 darf nicht an Minderjährige abgegeben oder ihnen vorgeführt werden, ist aber für Erwachsene regulär auswertbar.
Ein Film ohne FSK-Kennzeichen darf Minderjährigen nicht zugänglich gemacht werden und kann unter bestimmten Voraussetzungen indiziert werden.
Die BzKJ ersetzt also nicht die FSK. Sie ist auch keine zweite FSK-Instanz. Sie hat eine andere Aufgabe: Sie prüft jugendgefährdende Medien im Rahmen der Indizierung. Bei bereits gekennzeichneten Filmen ist ihr Einschreiten aber grundsätzlich gesperrt.
Was ist die SPIO/JK?
Die SPIO/JK ist die Juristenkommission der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft.
Sie prüft nicht die Jugendgeeignetheit eines Films. Sie prüft vor allem, ob gegen die Verbreitung eines Films schwerwiegende strafrechtliche Bedenken bestehen.
Für Produzenten und Verleiher kann eine solche Prüfung wichtig sein, wenn ein Film keine FSK-Kennzeichnung erhalten hat. Ein SPIO/JK-Gutachten ist aber keine staatliche Genehmigung. Es bindet weder Staatsanwaltschaften noch Gerichte.
Es kann aber in der Praxis helfen, strafrechtliche Risiken besser einzuschätzen und gegenüber Geschäftspartnern zu dokumentieren, dass eine rechtliche Prüfung stattgefunden hat.
Kann ein Film trotz FSK-Kennzeichen strafbar sein?
Ja. Die Indizierungssperre bedeutet nicht, dass ein Film strafrechtlich unangreifbar wäre.
Ein FSK-Kennzeichen schützt grundsätzlich vor Indizierung durch die BzKJ. Es schützt aber nicht absolut vor Strafverfolgung, Beschlagnahme oder gerichtlicher Einziehung.
Das ist eine wichtige Unterscheidung: Jugendschutzrecht und Strafrecht sind zwei verschiedene Ebenen. Die FSK prüft Altersfreigaben. Die BzKJ prüft Indizierungen. Strafgerichte prüfen Straftatbestände.
Ein Film mit FSK-Kennzeichen kann daher in Ausnahmefällen trotzdem strafrechtlich problematisch sein. Umgekehrt ist ein Film ohne FSK-Kennzeichen nicht automatisch strafbar.
Ist eine verweigerte FSK-Kennzeichnung Zensur?
Juristisch ist der Begriff „Zensur“ problematisch.
Im Alltag meint „Zensur“ oft jede starke Beschränkung einer Veröffentlichung. Rechtlich meint Zensur vor allem eine staatliche Vorabkontrolle, bei der eine Veröffentlichung verhindert wird. Die FSK ist aber keine staatliche Zensurbehörde und spricht kein staatliches Filmverbot aus.
Deshalb ist die Aussage „Die FSK hat den Film verboten“ rechtlich betrachtet falsch.
Gleichzeitig darf man die praktische Wirkung nicht kleinreden. Wenn ein Film ohne FSK-Kennzeichen kaum Kinoverleih, keine Streamingplattform, keinen Handel und keine reguläre Werbung findet, entsteht ein erheblicher wirtschaftlicher Druck. Das ist kein klassisches staatliches Verbot, kann aber faktisch wie eine Marktsperre wirken.
Warum ist der Begriff „faktisches Verbot“ trotzdem heikel?
Weil er zwei unterschiedliche Dinge vermischt.
Ein rechtliches Verbot bedeutet: Der Staat untersagt die Verbreitung oder Vorführung. Wer dagegen verstößt, riskiert Sanktionen.
Ein faktisches Marktproblem bedeutet: Der Film ist rechtlich nicht zwingend verboten, findet aber kaum wirtschaftliche Verwertungspartner.
Bei einer verweigerten FSK-Kennzeichnung liegt regelmäßig eher das zweite Problem vor. Der Film darf Erwachsenen nicht automatisch vorenthalten werden. Aber viele Unternehmen werden ihn aus Risiko- und Compliance-Gründen nicht anbieten.
Für die öffentliche Debatte ist diese Unterscheidung wichtig. Wer pauschal von „Zensur“ spricht, verkürzt die Rechtslage. Wer die wirtschaftlichen Folgen verharmlost, verkennt die praktische Macht des FSK-Systems.
Was bedeutet das für Produzenten?
Produzenten sollten den Jugendschutz nicht erst kurz vor Veröffentlichung prüfen. Gerade bei Filmen mit harter Gewalt, Selbstjustiz, sexualisierter Gewalt, politisch aufgeladenen Motiven oder drastischen Rachedarstellungen sollte frühzeitig eine rechtliche und jugendschutzrechtliche Risikoeinschätzung erfolgen.
Wer erst nach Fertigstellung erfährt, dass der Film kein FSK-Kennzeichen erhält, steht vor einem großen Problem. Dann bleiben meist nur eine Schnittfassung, eine erneute Vorlage, eine SPIO/JK-Prüfung oder eine stark eingeschränkte Erwachsenen-Auswertung.
Für die Finanzierung ist das bislang gefährlich. Wenn der deutsche Markt Teil der Kalkulation ist, kann eine verweigerte FSK-Kennzeichnung die gesamte Auswertung gefährden.
Was bedeutet das für Verleiher und Plattformen?
Verleiher und Plattformen brauchen rechtliche Planbarkeit.
Ein Film mit FSK-Kennzeichen ist deutlich besser kalkulierbar. Er hat eine anerkannte Altersfreigabe und ist grundsätzlich vor Indizierung geschützt. Das gilt auch für FSK 18.
Ein Film ohne FSK-Kennzeichen ist deutlich riskanter. Er darf zwar nicht automatisch als verboten behandelt werden. Er kann aber indiziert werden, darf Minderjährigen nicht zugänglich gemacht werden, kann Werberisiken auslösen und muss strafrechtlich sorgfältig geprüft werden.
Deshalb werden große Plattformen, Händler, Fernsehsender und Kinoketten solche Filme regelmäßig meiden.
Was bedeutet das für Kinobetreiber?
Kinobetreiber können einen Film ohne FSK-Kennzeichnung grundsätzlich vor Erwachsenen zeigen. Sie sollten dies aber nicht leichtfertig tun.
Erforderlich sind sichere Alterskontrollen, klare Kommunikation, rechtliche Vorprüfung und eine dokumentierte Risikoeinschätzung. Außerdem sollte geprüft werden, ob der Film bereits indiziert ist oder ob schwer jugendgefährdende oder strafrechtlich relevante Inhalte im Raum stehen.
Wer hier Fehler macht, riskiert nicht nur Ärger mit Behörden, sondern auch ordnungsrechtliche oder strafrechtliche Konsequenzen.
Was bedeutet das für Zuschauer?
Erwachsene haben grundsätzlich ein Recht darauf, auch harte, provozierende oder unbequeme Filme zu sehen. Kunstfreiheit schützt nicht nur gefällige Kunst.
Das bedeutet aber nicht, dass jeder Film ohne Einschränkungen beworben, vertrieben oder Jugendlichen zugänglich gemacht werden darf. Der Jugendschutz zieht Grenzen. Das Strafrecht zieht weitere Grenzen.
Bei Erwachsenen geht es daher weniger um ein allgemeines Seh-Verbot, sondern um die Frage, ob und wie ein Film rechtssicher angeboten werden kann.
Was ist die richtige Einordnung im Fall Uwe Boll: Schaden durch FSK oder geschickte Vermarktung der Aufregung?
Die Debatte sollte sauber zwischen rechtlicher Wirkung, wirtschaftlicher Wirkung und kommunikativer Wirkung unterscheiden.
Rechtlich gilt: Die FSK kann den Film nicht verbieten. Eine verweigerte FSK-Kennzeichnung ist keine Indizierung, keine Beschlagnahme und kein Strafurteil. Der Film ist dadurch nicht automatisch illegal.
Wirtschaftlich gilt: Ohne FSK-Kennzeichen war bislang eine reguläre Auswertung in Deutschland erheblich erschwert. Große Kinos, Streamingplattformen, Händler und Sender werden einen solchen Film regelmäßig nicht anbieten. Außerdem kann ein nicht gekennzeichneter Film grundsätzlich Gegenstand eines Indizierungsverfahrens werden.
Kommunikativ gilt aber auch: Die verweigerte FSK-Kennzeichnung kann selbst zum Werbemittel werden. Gerade bei einem Film, der politisch aufgeladene Themen wie Selbstjustiz und gesellschaftliche Reizpunkte verbindet, kann die Aufregung zusätzliche Aufmerksamkeit erzeugen. Was für klassische Verleiher ein Problem ist, kann für direkte Vermarktung, internationale Auswertung, Social Media und ein bereits polarisiertes Publikum ein Vorteil sein.
Bei Uwe Boll kommt hinzu: Man muss seine Filme nicht für große Filmkunst halten, um anzuerkennen, dass er seine eigene öffentliche Rolle sehr gut beherrscht. Boll war immer auch Provokateur, Selbstvermarkter und Verkäufer seiner eigenen Kontroversen. Die Frage liegt daher nahe, ob die Empörung über die FSK-Entscheidung nicht nur ein Ärgernis für ihn ist, sondern zugleich Teil der Vermarktung wird.
Das bedeutet nicht, dass die FSK-Entscheidung für ihn wirtschaftlich folgenlos wäre. Der reguläre deutsche Markt bleibt ohne Kennzeichen schwer erreichbar. Aber die Aufregung kann dem Film zugleich ein Publikum verschaffen, das ihn gerade deshalb sehen will, weil über ihn gestritten wird.
Der präzise Befund lautet daher: Kein FSK-Kennzeichen ist kein rechtliches Totalverbot. Es ist ein erhebliches Markt- und Vertriebsproblem. Im konkreten Fall kann die Kontroverse aber zugleich Aufmerksamkeit erzeugen, die Boll wirtschaftlich und kommunikativ zu nutzen weiß.
Fazit
Die Diskussion um Uwe Bolls Film zeigt ein Grundproblem des deutschen Jugendmedienschutzes: Die FSK verbietet keine Filme, aber ihre Entscheidungen bestimmen den Markt erheblich mit.
Eine fehlende FSK-Kennzeichnung bedeutet nicht automatisch, dass ein Film in Deutschland verboten ist. Erwachsene können einen solchen Film unter bestimmten Voraussetzungen sehen. Kinos können ihn auf eigenes rechtliches Risiko vor volljährigem Publikum zeigen.
Gleichzeitig ist klar: Ohne FSK-Kennzeichnung wird der reguläre Vertrieb fast unmöglich. Der Film verliert nicht nur die normale Marktfähigkeit, sondern auch den Schutz, den ein FSK-Kennzeichen vor einer Indizierung durch die BzKJ bietet.
Der Fall Uwe Boll zeigt aber noch eine zweite Seite. Eine verweigerte FSK-Kennzeichnung kann wirtschaftlich schaden, aber sie kann auch Aufmerksamkeit erzeugen. Gerade in Zeiten sozialer Medien kann ein Streit über angebliche Zensur, politische Motive und Jugendschutz den Film stärker ins Gespräch bringen als eine normale Werbekampagne. Aus einem Verwertungshindernis kann so zumindest teilweise ein Vermarktungsimpuls werden.
Das passt zu Boll als öffentlicher Figur. Er ist seit Jahren nicht nur Regisseur, sondern auch Provokateur und Selbstvermarkter. Wer seine Filme kritisch sieht, kann trotzdem anerkennen, dass er Kontroversen für sich zu nutzen weiß. Die FSK-Entscheidung kann deshalb beides zugleich sein: ein echtes Problem für die reguläre deutsche Auswertung und ein Anlass für zusätzliche Aufmerksamkeit, die dem Film auf anderen Wegen nützt.
Gerade deshalb muss die Debatte präzise geführt werden. Jugendschutz ist nicht automatisch Zensur. Eine verweigerte FSK-Kennzeichnung ist kein staatliches Filmverbot. Aber sie kann wirtschaftlich so einschneidend sein, dass Produzenten und Verleiher kaum noch Zugang zum regulären Markt haben. Ob die dadurch ausgelöste Aufregung im Einzelfall schadet oder sogar nützt, hängt davon ab, ob der Film ein Publikum erreicht, das gerade wegen der Kontroverse neugierig wird.