LG Frankfurt: Nachahmung von Gartenmöbeln – wann Hersteller und Händler für Produktkopien haften

Das Landgericht Frankfurt am Main hat mit Urteil vom 2. September 2026 entschieden, dass der Vertrieb nahezu identischer Nachahmungen einer bekannten Liegestuhlserie gegen das Wettbewerbsrecht verstößt. Dabei befasst sich das Gericht nicht nur mit dem Schutz der Produktgestaltung, sondern auch mit der Haftung verschiedener Unternehmen innerhalb einer Vertriebskette und der Berechnung des Schadensersatzes. Besonders interessant: Das Gericht setzte den herauszugebenden Anteil des Verletzergewinns auf 60 Prozent fest und beschäftigte sich ausführlich damit, welche Kosten der Verletzer zuvor von seinen Einnahmen abziehen darf.

Der Streit um eine bekannte Liegestuhlserie

Die Klägerin vertreibt seit vielen Jahren faltbare Gartenliegestühle mit Fußstütze, deren Rückenlehne stufenlos bis in eine Liegeposition verstellt werden kann. Die Produkte zeichnen sich durch eine charakteristische Kombination verschiedener Gestaltungsmerkmale aus.

Ein anderes Unternehmen ließ in Asien Liegestühle herstellen, die dem Original stark ähnelten, und lieferte diese an einen Händler. Dieser bot die Produkte unter einer eigenen Handelsmarke insbesondere über das Internet an.

Gegen den Händler hatte die Klägerin bereits in einem früheren Verfahren Unterlassungs- und Auskunftsansprüche sowie die Feststellung einer Schadensersatzpflicht rechtskräftig durchgesetzt.

Im neuen Verfahren ging sie nun auch gegen das vorgelagerte Lieferunternehmen vor. Zugleich verlangte sie vom Händler Schadensersatz in Form der Herausgabe des erzielten Verletzergewinns. Diesen bezifferte sie auf mindestens 180.000 Euro.

Wettbewerblicher Nachahmungsschutz auch ohne eingetragenes Design

Das Landgericht bestätigte zunächst, dass die Liegestühle der Klägerin wettbewerbliche Eigenart besitzen und deshalb grundsätzlich nach § 4 Nr. 3 UWG gegen unlautere Nachahmungen geschützt sind.

Eine solche wettbewerbliche Eigenart besteht, wenn die Gestaltung eines Produkts geeignet ist, Verbraucher auf dessen betriebliche Herkunft oder besondere Eigenschaften hinzuweisen.

Dabei kommt es nicht darauf an, ob jedes einzelne Gestaltungselement neu oder besonders originell ist. Entscheidend ist vielmehr der Gesamteindruck, der durch die Kombination der einzelnen Merkmale entsteht.

Bei der betroffenen Liegestuhlserie waren dies insbesondere die spezielle Anordnung der Stützrohre, die Befestigung der Armlehnen, die besondere Verbindung der Liegefläche mit dem Rahmen sowie die Gestaltung der Kopfstütze.

Das Gericht betonte außerdem, dass auch eine ganze Produktserie wettbewerblichen Schutz genießen kann. Voraussetzung ist, dass die einzelnen Modelle gemeinsame, charakteristische Merkmale aufweisen, die sie als zusammengehörig erkennen lassen.

Dass bestimmte Gestaltungsmerkmale zugleich technische Funktionen erfüllen, steht dem Schutz nicht entgegen, sofern die konkrete Gestaltung technisch nicht zwingend erforderlich ist. Im vorliegenden Fall waren vergleichbare Liegestühle mit anderen technischen Lösungen auf dem Markt erhältlich.

Auch die Tatsache, dass bereits zahlreiche Nachahmungen angeboten wurden, beseitigte den Schutz nicht. Die Klägerin hatte nachgewiesen, dass sie konsequent gegen Produktkopien vorging. Solange Verbraucher das Original weiterhin als eigenständiges Produkt erkennen, führt das Auftreten von Nachahmungen nicht automatisch zum Verlust der wettbewerblichen Eigenart.

Nahezu identische Nachahmung trotz einzelner Unterschiede

Nach Auffassung des Gerichts übernahmen die angegriffenen Liegestühle die wesentlichen Gestaltungsmerkmale der Originalprodukte nahezu vollständig.

Zwar bestanden einzelne Unterschiede, etwa bei der Form der Armlehnen oder der Befestigung der Sitzfläche. Diese waren jedoch nicht ausreichend, um einen anderen Gesamteindruck zu erzeugen.

Auch zusätzliches Zubehör wie Sonnenschutz oder Getränkehalter änderte daran nichts. Solche Elemente werden vom Verbraucher regelmäßig lediglich als Zubehör wahrgenommen.

Maßgeblich war für das Gericht die Sicht des durchschnittlichen Käufers, der Original und Nachahmung üblicherweise nicht unmittelbar nebeneinander betrachtet, sondern sich an seinen Erinnerungen orientiert.

Gerade die prägenden Übereinstimmungen fallen dabei stärker ins Gewicht als kleinere Abweichungen.

Eine eigene Marke verhindert nicht automatisch die Herkunftstäuschung

Die Beklagten hatten eingewandt, dass ihre Liegestühle unter einer eigenen Marke vertrieben würden. Deshalb könnten Verbraucher nicht annehmen, die Produkte stammten von der Klägerin.

Dieser Argumentation folgte das Gericht nicht.

Eine Herkunftstäuschung kann nämlich auch dann vorliegen, wenn Verbraucher zwar unterschiedliche Marken wahrnehmen, aufgrund der weitgehenden gestalterischen Übereinstimmungen aber von wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den Unternehmen ausgehen.

So können Kunden beispielsweise annehmen, die Nachahmung werde mit Zustimmung des Originalherstellers hergestellt, unter einer Zweitmarke vertrieben oder aufgrund eines Lizenzvertrags angeboten.

Im konkreten Fall wurde die abweichende Kennzeichnung zudem als Handelsmarke wahrgenommen, unter der ganz unterschiedliche Produkte vertrieben wurden.

Die Verwendung einer eigenen Marke genügte daher nicht, um die Gefahr einer Herkunftstäuschung auszuschließen.

Auch der Lieferant kann für den Vertrieb der Nachahmungen haften

Besonders praxisrelevant ist die Entscheidung zur Verantwortung des vorgelagerten Unternehmens.

Dieses hatte die Liegestühle herstellen lassen und anschließend an den Händler verkauft. Es argumentierte, dass beide Gesellschaften rechtlich selbstständig seien und es für die konkreten Internetangebote des Händlers nicht verantwortlich gemacht werden könne.

Das Landgericht sah dies anders.

Bereits die Lieferung der Nachahmungsprodukte an einen Zwischenhändler stellt eine relevante Vertriebshandlung dar.

Darüber hinaus bejahte das Gericht eine gemeinschaftliche Verantwortlichkeit nach § 830 BGB. Die Unternehmen arbeiteten arbeitsteilig zusammen: Das eine ließ die Waren in Asien herstellen, das andere übernahm deren Vertrieb.

Hinzu kam, dass die beiden Gesellschaften zumindest während eines wesentlichen Teils des betroffenen Zeitraums einen gemeinsamen Geschäftsführer hatten.

Nach Auffassung des Gerichts waren die Unternehmen deshalb nicht nur durch gewöhnliche Lieferbeziehungen verbunden. Vielmehr bestand ein abgestimmtes Geschäftsmodell, bei dem Herstellung und Vertrieb der Produkte auf verschiedene Gesellschaften verteilt waren.

Die vorgelagerte Gesellschaft konnte sich daher nicht darauf berufen, dass ihr unmittelbarer Abnehmer die Herkunft der Produkte gekannt habe. Entscheidend war vielmehr die Herkunftstäuschung gegenüber den späteren Kunden.

Das Unternehmen wurde zur Unterlassung und umfangreichen Auskunftserteilung verurteilt. Außerdem stellte das Gericht seine Schadensersatzpflicht dem Grunde nach fest.

Schadensersatz durch Herausgabe des Verletzergewinns

Ein weiterer Schwerpunkt der Entscheidung betrifft die Frage, welchen Gewinn der Händler aus dem Vertrieb der rechtswidrigen Nachahmungen herausgeben muss.

Der Geschädigte kann bei einer wettbewerbswidrigen Nachahmung unter den gesetzlichen Voraussetzungen seinen Schaden anhand des vom Verletzer erzielten Gewinns berechnen.

Allerdings muss der Verletzer nicht zwangsläufig seinen gesamten Gewinn herausgeben.

Entscheidend ist, welcher Anteil des Gewinns gerade auf der unlauteren Übernahme der geschützten Produktgestaltung beruht.

Denn auch andere Umstände können für die Kaufentscheidung maßgeblich sein, etwa der Verkaufspreis, die Funktionalität oder die Qualität eines Produkts.

Im vorliegenden Verfahren verlangte die Klägerin die Herausgabe eines Gewinnanteils von 75 bis 80 Prozent. Die Beklagte hielt dagegen allenfalls 20 Prozent für angemessen.

Das Gericht schätzte den maßgeblichen Anteil gemäß § 287 ZPO auf 60 Prozent.

Zur Begründung führte es aus, dass das Aussehen bei Gartenmöbeln eine erhebliche Rolle spiele. Anders als beispielsweise bei einem Designertisch seien bei Gartenliegen aber auch praktische Eigenschaften wie Sitzkomfort und Funktionalität von besonderer Bedeutung.

Auch der günstigere Preis könne die Kaufentscheidung beeinflussen. Dies ändere jedoch nichts daran, dass die Übernahme der charakteristischen Gestaltung einen erheblichen Beitrag zum wirtschaftlichen Erfolg der Nachahmungen geleistet habe.

Deshalb hielt das Gericht eine Quote von 60 Prozent für angemessen.

Diese Quote ist allerdings keine allgemeingültige Größe für Produktnachahmungen. Der herauszugebende Gewinnanteil muss vielmehr für jeden Einzelfall unter Berücksichtigung der konkreten Markt- und Produktverhältnisse geschätzt werden.

Welche Kosten darf der Verletzer vom Gewinn abziehen?

Besonders ausführlich befasste sich das Landgericht mit der Berechnung des tatsächlich erzielten Gewinns.

Ausgangspunkt sind die durch den Vertrieb der Nachahmungen erzielten Umsätze. Hiervon sind die berücksichtigungsfähigen Kosten abzuziehen. Erst auf den so ermittelten Gewinn wird anschließend der auf die Nachahmung entfallende Kausalitätsanteil angewendet.

Im konkreten Fall ging es unter anderem um Einkaufskosten, Versandkosten, Retourenkosten, Verkaufsprovisionen, Transaktionskosten und Werbekosten für Anzeigen auf Amazon.

Die Klägerin bestritt insbesondere, dass die geltend gemachten Werbekosten und Transaktionskosten in der behaupteten Höhe berücksichtigt werden dürften.

Das Gericht erkannte solche Kosten jedoch grundsätzlich als abzugsfähig an.

Dabei spielte die Aussage eines Zeugen eine wichtige Rolle, der die Abrechnungen und die Funktionsweise des bei Amazon eingesetzten Werbesystems erläuterte.

Er erklärte insbesondere, dass die Kosten für Produktanzeigen über ein Auktionssystem ermittelt würden und die Werbebudgets teilweise mehrfach täglich wechselten.

Das Gericht hielt diese Angaben für nachvollziehbar und glaubwürdig. Es berücksichtigte deshalb auch die nachgewiesenen Werbeaufwendungen bei der Gewinnermittlung.

Die Entscheidung bedeutet allerdings nicht, dass sämtliche Werbekosten eines Unternehmens pauschal vom Verletzergewinn abgezogen werden dürfen. Erforderlich bleibt, dass die Kosten den betreffenden Produkten und Verkäufen zugeordnet werden können.

Korrigierte Auskünfte: Unklarheiten gehen zulasten des Verletzers

Ein weiterer wichtiger Punkt betraf die nachträgliche Korrektur der vom Händler erteilten Auskünfte.

Dieser hatte zunächst Verkaufszahlen und Umsätze mitgeteilt, die er später teilweise nach unten korrigierte.

Zur Begründung führte er unter anderem an, dass in der ursprünglichen Auskunft versehentlich auch Verkäufe ins Ausland berücksichtigt worden seien.

Das Gericht akzeptierte diese Erklärung für eines der betroffenen Liegestuhlmodelle. Der hierzu vernommene Zeuge konnte nachvollziehbar erläutern, wie die Zahlen aus dem Warenwirtschaftssystem ermittelt worden waren.

Bei einem anderen Modell blieben dagegen Widersprüche zwischen den verschiedenen Abrechnungen bestehen.

Diese gingen nach Auffassung des Gerichts zulasten des Händlers.

Zwar trägt grundsätzlich der Geschädigte die Darlegungs- und Beweislast für die Höhe seines Schadens. Will der Verletzer aber gewinnmindernde Kosten geltend machen oder seine eigene Rechnungslegung nachträglich ändern, muss er die entsprechenden Tatsachen darlegen und beweisen.

Das hatte im konkreten Fall erhebliche Auswirkungen auf die Berechnung.

Bei einem Liegestuhlmodell berücksichtigte das Gericht nur einen entsprechend gekürzten Teil der Werbekosten, weil rund zehn Prozent der Verkäufe auf Auslandsgeschäfte entfielen.

Bei den Versand- und Retourenkosten musste sich der Händler zudem an seinen ursprünglichen Angaben festhalten lassen, weil er diese Positionen bei der späteren Korrektur nicht mehr ausreichend konkretisiert hatte.

Die Entscheidung zeigt damit, wie wichtig eine sorgfältige und nachvollziehbare Rechnungslegung bei der Durchsetzung oder Abwehr von Schadensersatzansprüchen ist.

Unterlassung, Auskunft und Schadensersatz: unterschiedliche Verjährungsfristen

Auch die von den Beklagten erhobene Verjährungseinrede blieb ohne Erfolg.

Das Gericht stellte klar, dass für wettbewerbsrechtliche Unterlassungsansprüche grundsätzlich die kurze Verjährungsfrist von sechs Monaten gilt, während Schadensersatzansprüche nach § 9 UWG grundsätzlich innerhalb eines Jahres verjähren.

Im konkreten Fall war die Verjährung des Unterlassungsanspruchs durch außergerichtliche Verhandlungen nach § 203 BGB gehemmt worden.

Auskunfts- und Rechnungslegungsansprüche unterliegen dagegen einer eigenständigen Verjährung nach den allgemeinen Vorschriften des BGB.

Auch deshalb scheiterten die Ansprüche der Klägerin nicht an der Verjährung.

Fazit: Konsequenter Schutz gegen Nachahmungen und hohe Anforderungen an die Gewinnabrechnung

Das Urteil verdeutlicht, dass der wettbewerbsrechtliche Nachahmungsschutz auch bei alltäglichen Gebrauchsgegenständen eine wichtige Rolle spielt.

Ein Produkt muss weder besonders aufwendig gestaltet noch durch ein eingetragenes Design geschützt sein, um gegen unlautere Nachahmungen vorgehen zu können. Entscheidend ist, ob seine konkrete Gestaltung geeignet ist, auf eine bestimmte betriebliche Herkunft hinzuweisen, und ob weitere Umstände wie eine vermeidbare Herkunftstäuschung hinzutreten.

Für Hersteller und Händler ist außerdem wichtig, dass eine Aufteilung von Herstellung und Vertrieb auf rechtlich selbstständige Gesellschaften nicht zwangsläufig vor einer Haftung schützt. Auch vorgelagerte Unternehmen können für wettbewerbswidrige Produktnachahmungen verantwortlich sein.

Bei der Schadensersatzberechnung kommt es wiederum auf zwei getrennte Fragen an: Welchen Gewinn hat der Verletzer tatsächlich erzielt, und welcher Anteil dieses Gewinns beruht auf der unlauteren Nachahmung?

Werbekosten, Plattformprovisionen und andere produktbezogene Aufwendungen können den herauszugebenden Gewinn mindern. Der Verletzer muss diese Kosten jedoch nachvollziehbar darlegen und erforderlichenfalls beweisen.

Die vom Landgericht im konkreten Fall angesetzte Gewinnquote von 60 Prozent zeigt zugleich, dass wettbewerbswidrige Nachahmungen erhebliche finanzielle Folgen haben können.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Landgericht Frankfurt am Main, Urteil vom 02.09.2026, Az. 2-06 O 156/25.

LG Hamburg stärkt Dr. Martens: Auch eine weiße Naht kann eine unzulässige Nachahmung sein

Das Landgericht Hamburg hat mit Urteil vom 23. April 2026 entschieden, dass nicht nur einzelne bekannte Schuhmodelle, sondern auch eine ganze Produktserie wettbewerbsrechtlich geschützt sein kann. Im Mittelpunkt des Verfahrens standen 16 Schuhmodelle, die sich an der charakteristischen Gestaltung der bekannten Dr.-Martens-Schuhe orientierten. Besonders interessant: Nach Auffassung des Gerichts kann eine unzulässige Nachahmung sogar dann vorliegen, wenn die berühmte gelbe Rahmennaht durch eine weiße oder andersfarbige Naht ersetzt wird.

Der Fall: Streit um 16 Schuhmodelle

Die Klägerin vertreibt die bekannten Schuhe und Stiefel der Marke Dr. Martens. Ausgangspunkt der Produktreihe ist ein Schnürstiefel, der erstmals 1960 auf den Markt kam. Seitdem wurde das Sortiment erheblich erweitert und umfasst inzwischen unter anderem Halbschuhe, Chelsea-Boots, Kinderschuhe und Sandalen.

Die Beklagten, eine türkische Gesellschaft und ihre niederländische Tochtergesellschaft, boten über einen gemeinsam betriebenen Online-Shop verschiedene Schuhe an, deren Gestaltung nach Auffassung der Klägerin ihren eigenen Produkten zu ähnlich war.

Die Klägerin verlangte deshalb, das Anbieten von insgesamt 16 Schuhmodellen in Deutschland zu untersagen. Daneben machte sie Auskunfts- und Schadensersatzansprüche geltend.

Sie stützte sich vor allem auf den sogenannten ergänzenden wettbewerbsrechtlichen Leistungsschutz nach § 4 Nr. 3 UWG. Hilfsweise berief sie sich auf das Urheberrecht.

Wettbewerbsrechtlicher Schutz für eine ganze Produktserie

Der rechtlich interessanteste Aspekt des Urteils betrifft die Frage, ob sich der wettbewerbsrechtliche Nachahmungsschutz auf eine gesamte Produktreihe erstrecken kann.

Grundsätzlich gilt im Wettbewerbsrecht die Nachahmungsfreiheit. Unternehmen dürfen Produkte anderer Hersteller zum Vorbild nehmen, soweit keine besonderen Schutzrechte oder unlauteren Umstände entgegenstehen.

Allerdings kann ein Produkt auch ohne eingetragenes Design oder sonstiges besonderes Schutzrecht gegen unlautere Nachahmungen geschützt sein.

Voraussetzung hierfür ist unter anderem die sogenannte wettbewerbliche Eigenart. Diese liegt vor, wenn die konkrete Gestaltung eines Produkts oder bestimmte Gestaltungsmerkmale geeignet sind, beim Verbraucher Vorstellungen über dessen betriebliche Herkunft oder Besonderheiten hervorzurufen.

Nach Auffassung des Landgerichts Hamburg kann eine solche wettbewerbliche Eigenart auch einer gesamten Produktserie zukommen.

Dabei muss nicht einmal jedes einzelne Produkt der Serie für sich genommen wettbewerbliche Eigenart besitzen. Entscheidend ist vielmehr, ob die verschiedenen Produkte durch wiederkehrende, charakteristische Gestaltungsmerkmale miteinander verbunden sind und sich dadurch von den Produkten anderer Hersteller unterscheiden.

Das Gericht knüpft damit an die bisherige Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs an, insbesondere an dessen Entscheidung zum Schutz einer Kofferserie („Rillenkoffer“).

Für Hersteller ist dies von erheblicher Bedeutung: Wer über Jahre hinweg eine charakteristische Produktgestaltung entwickelt und diese auf unterschiedliche Produkte überträgt, kann unter bestimmten Voraussetzungen nicht nur einzelne Modelle, sondern sein gesamtes entsprechend gestaltetes Produktsortiment gegen unlautere Nachahmungen schützen.

Drei Merkmale prägen die Dr.-Martens-Schuhe

Das Landgericht Hamburg identifizierte drei charakteristische Gestaltungsmerkmale, die nach seiner Auffassung die wettbewerbliche Eigenart der Dr.-Martens-Produktserie begründen:

  1. Eine auffällige gelbe Rahmennaht zwischen Schuhsohle und Oberschuh.
  2. Die Einbettung dieser Naht in einen dunklen Rahmen.
  3. Eine charakteristisch geriffelte Sohlenkante.

Diese Kombination findet sich nicht nur bei den klassischen Schnürstiefeln, sondern auch bei zahlreichen weiteren Schuhmodellen des Herstellers.

Hinzu kommen zusätzliche Gestaltungsmerkmale, etwa eine über den Oberschuh hinausragende Sohlenkante, eine besondere Gestaltung des Fersenabsatzes und die bekannte schwarz-gelbe Zugschlaufe.

Entscheidend war für das Gericht jedoch die Kombination der drei erstgenannten Merkmale.

Die langjährige Marktpräsenz und die umfangreiche positive Berichterstattung über die Schuhe führten nach Auffassung der Richter außerdem zu einer gesteigerten wettbewerblichen Eigenart der gesamten Produktserie.

Dabei profitierte die Produktserie von der Bekanntheit des ursprünglichen Stiefelmodells. Dessen Wiedererkennungswert übertrug sich auf die weiteren Modelle, die dieselben charakteristischen Merkmale aufgriffen.

Auch eine weiße statt einer gelben Naht kann eine Nachahmung darstellen

Besonders bemerkenswert ist die Beurteilung einiger angegriffener Schuhmodelle, bei denen die Rahmennaht nicht gelb, sondern weiß ausgestaltet war.

Die Beklagten argumentierten, dass die charakteristische Gestaltung der Dr.-Martens-Schuhe gerade durch das schwarz-gelbe Farbschema geprägt werde. Schuhe mit einer weißen Rahmennaht könnten deshalb keine nahezu identische Nachahmung darstellen.

Das Landgericht Hamburg folgte dieser Argumentation nicht.

Zwar stellte es ausdrücklich klar, dass für die wettbewerbliche Eigenart der Originalprodukte die gelbe Kontrastnaht maßgeblich sei. Der Schutz dürfe insoweit nicht einfach auf beliebige helle Kontrastnähte erweitert werden.

Bei der anschließenden Frage, ob eine Nachahmung vorliegt, komme es jedoch auf den Gesamteindruck der gegenüberstehenden Produkte an.

Und dieser könne auch bei einer weißen Rahmennaht nahezu identisch sein.

Denn die weiße Naht erfülle im Zusammenspiel mit dem dunklen Rahmen und der geriffelten Sohlenkante dieselbe optische Funktion wie die gelbe Naht. Sie hebe die Verbindung zwischen Schuh und Sohle hervor und vermittle einen vergleichbaren Gesamteindruck.

Auch Unterschiede in der Dicke des verwendeten Garns oder in der Stichweite änderten daran nichts.

Das Gericht bejahte deshalb auch bei den Schuhen mit weißer Rahmennaht eine nahezu identische Nachahmung. Bei einem weiteren Modell ließ es auch eine orangefarbene Kontrastnaht nicht als ausreichende Abweichung gelten.

Die Entscheidung verdeutlicht, dass sich eine wettbewerbsrechtlich relevante Nachahmung nicht ohne Weiteres dadurch vermeiden lässt, dass einzelne Farben oder kleinere Details verändert werden.

Rufausbeutung auch ohne Verwechslungsgefahr

Eine weitere wichtige Frage betraf die Voraussetzungen der Unlauterkeit.

Denn nicht jede Nachahmung eines Produkts mit wettbewerblicher Eigenart ist automatisch verboten. Es müssen zusätzliche Umstände hinzukommen.

Ein solcher Umstand kann nach § 4 Nr. 3 Buchstabe a UWG eine vermeidbare Täuschung über die betriebliche Herkunft sein. Daneben verbietet § 4 Nr. 3 Buchstabe b UWG die unangemessene Ausnutzung oder Beeinträchtigung der Wertschätzung eines nachgeahmten Produkts.

Das Landgericht Hamburg stützte seine Entscheidung auf die zweite Alternative, die sogenannte Rufausbeutung.

Dabei stellte es ausdrücklich darauf ab, dass die Dr.-Martens-Schuhe nicht lediglich als gewöhnliche Schuhe wahrgenommen werden. Vielmehr handele es sich um Kultprodukte, die insbesondere mit der Punk-Szene, Rebellion und einem bestimmten Lebensgefühl verbunden seien.

Diese positive emotionale Wahrnehmung habe sich über Jahrzehnte entwickelt und erfasse inzwischen auch die weiteren Modelle der Produktserie.

Durch die nahezu identische Übernahme der charakteristischen Gestaltungsmerkmale werde dieses Image auf die nachgeahmten Schuhe übertragen.

Die Beklagten nutzten damit die Wertschätzung der Originalprodukte für ihre eigenen Waren aus.

Bemerkenswert ist, dass das Gericht ausdrücklich zwischen der handwerklichen Produktqualität und der emotionalen Wertschätzung unterschied. Selbst eine möglicherweise nachlassende Herstellungsqualität der Originalprodukte ändere nichts daran, dass mit der Marke und ihrer charakteristischen Gestaltung weiterhin eine besondere emotionale Vorstellung verbunden sei.

Eine Täuschung der Verbraucher über die tatsächliche Herkunft der Schuhe musste das Gericht nicht feststellen.

Es ließ deshalb ausdrücklich offen, ob zusätzlich eine vermeidbare Herkunftstäuschung vorlag.

Damit bestätigt die Entscheidung, dass eine unlautere Rufausbeutung auch dann gegeben sein kann, wenn Verbraucher durchaus erkennen, dass sie kein Originalprodukt erwerben.

Zusätzliche Markenverletzung durch Verwendung von „SoftWair“

Neben dem wettbewerbsrechtlichen Nachahmungsschutz befasste sich das Gericht mit einer eigenständigen Markenverletzung.

Die Klägerin ist Inhaberin einer Unions-Wort-Bildmarke „SoftWair“, die unter anderem auf den Innensohlen bestimmter Sandalen verwendet wird.

Bei einem der beanstandeten Sandalenmodelle hatten die Beklagten dasselbe Zeichen in identischer grafischer Gestaltung auf der Innensohle angebracht.

Die Beklagten wandten ein, dass „SoftWair“ lediglich eine beschreibende Angabe darstelle und von den Verbrauchern nicht als Herkunftshinweis verstanden werde.

Das Landgericht Hamburg sah dies anders.

Es verwies darauf, dass in der Modebranche häufig mehrere Kennzeichen auf einem Produkt verwendet werden. Neben dem eigentlichen Herstellernamen können auch weitere Bezeichnungen eine markenrechtliche Herkunftsfunktion erfüllen.

Für eine markenmäßige Verwendung spreche insbesondere, dass das Zeichen auf dem Produkt selbst angebracht und mit dem Zusatz „TM“ versehen sei.

Das Gericht bejahte daher eine rechtserhaltende Benutzung der Marke durch die Klägerin und eine Markenverletzung durch die Beklagten.

Es handelte sich um eine sogenannte Doppelidentverletzung nach Art. 9 Abs. 2 Buchstabe a der Unionsmarkenverordnung, da ein identisches Zeichen für identische Waren verwendet wurde.

Unterlassung, Auskunft und Schadensersatz

Das Landgericht Hamburg gab der Klage ganz überwiegend statt.

Die türkische Beklagte wurde hinsichtlich aller 16 angegriffenen Schuhmodelle zur Unterlassung verurteilt. Gegenüber der niederländischen Beklagten wurde das Verbot für 14 Modelle ausgesprochen.

Hinsichtlich der beiden übrigen Modelle scheiterte der Unterlassungsantrag gegen die niederländische Gesellschaft allerdings nicht an der wettbewerbsrechtlichen Bewertung, sondern aus prozessualen Gründen.

Die Klägerin verfügte insoweit bereits über einen früheren Unterlassungstitel, dessen Reichweite durch ein rechtskräftig abgeschlossenes Ordnungsmittelverfahren geklärt worden war. Für die erneute gerichtliche Geltendmachung fehlte deshalb das Rechtsschutzbedürfnis.

Darüber hinaus wurden die Beklagten zur Auskunft über Lieferanten, gewerbliche Abnehmer und den Umfang der Verletzungshandlungen verurteilt. Das Gericht stellte außerdem ihre gesamtschuldnerische Schadensersatzpflicht fest.

Auch die Verwendung der Marke „SoftWair“ wurde untersagt.

Die Klägerin erhielt zudem Ersatz für zwei berechtigte Abmahnungen. Ein weiterer Anspruch auf Erstattung der Kosten eines älteren Abschlussschreibens scheiterte dagegen an der sechsmonatigen Verjährungsfrist des UWG.

Über die urheberrechtliche Schutzfähigkeit der Schuhgestaltung musste das Gericht im Ergebnis nicht entscheiden, weil die wettbewerbsrechtlichen Ansprüche bereits erfolgreich waren beziehungsweise hinsichtlich zweier Modelle ein Rechtsschutzbedürfnis fehlte.

Gegen das Urteil ist ein Berufungsverfahren beim Hanseatischen Oberlandesgericht Hamburg unter dem Aktenzeichen 5 U 55/26 anhängig.

Fazit: Der Schutz bekannter Produktgestaltungen reicht weiter als einzelne Modelle

Die Entscheidung des Landgerichts Hamburg ist insbesondere für Hersteller und Händler interessant, die Produkte mit einer charakteristischen und über längere Zeit etablierten Gestaltung vertreiben.

Sie zeigt, dass wettbewerbsrechtlicher Nachahmungsschutz nicht zwingend auf ein einzelnes Produkt beschränkt bleibt. Auch ein ganzes Produktprogramm kann geschützt sein, wenn wiederkehrende, charakteristische Gestaltungsmerkmale den Produkten einen einheitlichen Wiedererkennungswert verleihen.

Das bedeutet allerdings nicht, dass ein Hersteller eine ganze Stilrichtung oder allgemeine Gestaltungsidee für sich monopolisieren kann. Entscheidend bleiben die konkrete Kombination charakteristischer Merkmale, deren Bekanntheit und die weiteren Umstände des jeweiligen Einzelfalls.

Für Wettbewerber ist insbesondere die Beurteilung der weißen Rahmennaht relevant. Wer eine bekannte Produktgestaltung übernimmt, kann sich nicht darauf verlassen, dass bereits die Veränderung einzelner Farben oder kleiner Gestaltungsdetails eine Rechtsverletzung ausschließt.

Von besonderer praktischer Bedeutung ist außerdem die Feststellung des Gerichts, dass eine unlautere Rufausbeutung auch ohne Verwechslungsgefahr vorliegen kann. Geschützt wird nicht allein die Herkunftsvorstellung der Verbraucher, sondern unter bestimmten Voraussetzungen auch die Wertschätzung und das besondere Image, das sich ein Produkt über Jahre erworben hat.

Für Hersteller eröffnet dies zusätzliche Möglichkeiten, sich gegen die Übernahme erfolgreicher Produktgestaltungen zu wehren. Händler und Online-Anbieter müssen umgekehrt berücksichtigen, dass auch Produkte ohne identische Markenkennzeichnung oder ohne exakte Übereinstimmung mit dem Original wettbewerbsrechtlich problematisch sein können.

Gericht: Landgericht Hamburg
Urteil vom 23. April 2026
Aktenzeichen: 310 O 53/24

OLG Köln: Wann das Nachbauen eines Premium-Kinderwagendesigns erlaubt bleibt

Wer ein Produkt entwickelt, investiert oft viel in Design, Material und Wiedererkennung. Umso ärgerlicher ist es, wenn ein Wettbewerber eine ähnliche Gestaltung auf den Markt bringt. Genau darum ging es in einem Urteil des Oberlandesgerichts Köln vom 27.02.2026: Ein Hersteller eines hochpreisigen Kinderwagens wollte einem Konkurrenten den Vertrieb eines optisch angelehnten Kinderwagengestells verbieten lassen. Das OLG Köln hat die Klage abgewiesen und dabei sehr anschaulich erklärt, wo die Grenze zwischen zulässiger Nachahmung und unlauterem Kopieren verläuft.

Worum ging es konkret?

Die Klägerin vertreibt seit Jahren ein hochwertiges Kinderwagenmodell. Streitgegenstand war nicht der komplette Kinderwagen, sondern vor allem das Gestell, das auch separat angeboten wird. Die Beklagte bot ebenfalls ein Gestell an, das sich erkennbar an bestimmten Gestaltungsideen orientierte, aber an mehreren prägenden Punkten abwich. Die Klägerin stützte ihre Ansprüche vor allem auf den ergänzenden wettbewerbsrechtlichen Leistungsschutz nach § 4 Nr. 3 UWG und hilfsweise auf § 5 UWG sowie Urheberrecht.

Kurz erklärt: Ergänzender wettbewerbsrechtlicher Leistungsschutz und Nachahmungsfreiheit

Wenn kein Sonderrechtsschutz besteht, also etwa kein Patent, kein eingetragenes Design, keine Marke oder kein durchsetzbares Urheberrecht greift, gilt im Wettbewerb grundsätzlich Nachahmungsfreiheit. Das ist kein Fehler im System, sondern ein Grundprinzip: Wettbewerb soll Alternativen, Weiterentwicklungen und preisliche Konkurrenz ermöglichen.

Der ergänzende wettbewerbsrechtliche Leistungsschutz ist deshalb kein Ersatzschutz für eine „schöne Idee“. Er greift nur, wenn besondere unfaire Umstände hinzukommen. Typischerweise braucht es dafür drei Bausteine:

  • Wettbewerbliche Eigenart des Originals: Die konkrete Gestaltung muss geeignet sein, auf die betriebliche Herkunft oder besondere Eigenschaften hinzuweisen. Maßgeblich ist der Gesamteindruck.
  • Nachahmung: Das angegriffene Produkt muss das Original in den prägenden Merkmalen wiedererkennbar aufgreifen. Je näher die Übernahme, desto eher wird es kritisch.
  • Unlauterkeit durch besondere Umstände: Der Klassiker ist die vermeidbare Herkunftstäuschung. Daneben kommt eine unangemessene Ausnutzung oder Beeinträchtigung der Wertschätzung (Rufausbeutung oder Rufschädigung) in Betracht.

Wichtig für die Praxis: Selbst wenn ein Produkt eigenartig ist und nachgeahmt wird, bleibt die Nachahmung oft zulässig, solange sie ausreichend Abstand hält und keine unlauteren Begleitumstände hinzutreten.

Was hat das OLG Köln entschieden?

Das Gericht ist zugunsten der Klägerin davon ausgegangen, dass das Kinderwagengestell wettbewerbliche Eigenart besitzt, und zwar sogar in gesteigerter Form. Bemerkenswert ist dabei: Auch ein Teil eines Gesamtprodukts kann geschützt sein, wenn der Verkehr dieses Teil als eigenständiges Erzeugnis wahrnimmt, etwa weil es separat verkauft wird und als wesentlicher Bestandteil gilt.

Trotzdem scheiterte die Klägerin, weil das OLG Köln im Ergebnis nur eine nachschaffende Nachahmung angenommen hat. Das Vorbild war erkennbar, aber der Gesamteindruck war deutlich anders, weil zentrale prägenden Elemente nicht vollständig übernommen wurden und zusätzliche Abweichungen hinzukamen. Damit fehlten die unlauteren Begleitumstände, die § 4 Nr. 3 UWG voraussetzt.

Warum reichte es nicht für eine Herkunftstäuschung?

Eine Herkunftstäuschung setzt voraus, dass Käufer annehmen, das Produkt stamme vom Originalhersteller oder aus dessen Umfeld, etwa als neue Serie oder Zweitmarke.

Das OLG Köln hat beides verneint:

  • Unmittelbare Herkunftstäuschung: Die Unterschiede seien bei der Kaufentscheidung erkennbar, erst recht bei einem hochpreisigen Produkt. Käufer informieren sich typischerweise intensiver, insbesondere bei Waren, die Sicherheit und Alltagstauglichkeit betreffen.
  • Mittelbare Herkunftstäuschung: Das Gericht hielt es im Kinderwagenmarkt für fernliegend, dass Verbraucher von typischen Zweitmarkenstrategien ausgehen. Außerdem spricht gegen eine solche Annahme, wenn gerade das prägende Alleinstellungsmerkmal des Originals nicht vollständig umgesetzt ist.

Warum half auch der Rufschutz nicht?

Auch eine Rufausbeutung oder Rufbeeinträchtigung nach § 4 Nr. 3 Buchstabe b UWG hat das OLG Köln abgelehnt. Eine bloße Anlehnung, die lediglich Assoziationen auslöst, genügt nicht. Entscheidend ist, ob sich die Wertschätzung des Originals unangemessen auf das Nachahmungsprodukt überträgt oder ob das Image durch besonders nahe, qualitativ abfallende Kopien leidet. Bei dem vom Gericht angenommenen Gestaltungsabstand sah es keine relevante Rufübertragung.

Und was ist mit Irreführung nach § 5 UWG?

Das OLG Köln weist darauf hin, dass § 5 UWG grundsätzlich neben § 4 Nr. 3 UWG anwendbar ist. Praktisch gilt aber häufig: Wenn schon keine Herkunftstäuschung im Rahmen des Nachahmungsschutzes feststellbar ist, liegt meist auch keine Irreführung über die betriebliche Herkunft vor. So war es auch hier, weil die Produkte im Gesamteindruck unterscheidbar blieben und der Käuferkreis besonders aufmerksam ist.

Urheberrecht als Ausweg?

Hilfsweise berief sich die Klägerin auf Urheberrecht. Auch damit hatte sie keinen Erfolg. Selbst wenn man unterstellt, dass das Gestell die urheberrechtliche Schutzschwelle erreichen könnte, fehlte es nach Auffassung des Gerichts an einer wiedererkennbaren Übernahme der prägenden Gestaltung in der konkreten Form.

Was Unternehmer daraus mitnehmen sollten

  • Schutzstrategie früh klären: Wer Gestaltung langfristig exklusiv nutzen will, sollte früh prüfen, ob Designschutz, Markenstrategie oder urheberrechtlich belastbarer Schutz realistisch ist. Der ergänzende Leistungsschutz ist kein Vollschutz.
  • Abstand bewusst einplanen: Wer sich inspirieren lässt, sollte die prägenden Wiedererkennungsmerkmale nicht nur leicht variieren, sondern den Gesamteindruck eigenständig halten.
  • Vertrieb und Auftritt sauber trennen: Herkunftstäuschung entsteht nicht nur durch Formähnlichkeit. Produktbeschreibung, Bildsprache, Farbsystem und die Sichtbarkeit der eigenen Marke sind in der Praxis oft entscheidend.
  • Marktgepflogenheiten ernst nehmen: Ob Verbraucher Zweitmarken, Lizenzmodelle oder Serienfortsetzungen erwarten, kann für die mittelbare Herkunftstäuschung den Ausschlag geben.

azit

Das Urteil des OLG Köln macht deutlich: Auch ein stark wiedererkennbares Produktdesign ist im Wettbewerb nicht automatisch „reserviert“. Ohne Sonderrechtsschutz bleibt Nachahmung grundsätzlich erlaubt. Der ergänzende wettbewerbsrechtliche Leistungsschutz greift erst dann, wenn die Anlehnung so weit geht, dass Herkunftsverwechslungen oder ein relevanter Ruftransfer drohen oder sonstige unlautere Begleitumstände hinzukommen. Für Unternehmen heißt das: Entweder Schutzrechte frühzeitig sichern oder bei der Produktgestaltung so viel Eigenständigkeit schaffen, dass der Abstand im Gesamteindruck überzeugt.

Gericht, Datum, Aktenzeichen, Fundstelle

  • Oberlandesgericht Köln
  • 27.02.2026
  • 6 U 74/25
  • GRUR-RS 2026, 2611; GRUR-RR 2026, 160 (Leitsatz)

Landgericht Köln: Warum Standard-Symbole in technischen Plänen selten urheberrechtlich geschützt sind

Wer in der Planung mit Symbolbibliotheken arbeitet, kennt die Diskussion: Darf ein Wettbewerber ähnliche oder sogar identische Symbole verwenden? Das Landgericht Köln hat mit Urteil vom 05.03.2026 hierzu eine klare Linie gezogen und einer Klägerin weitgehend eine Absage erteilt.

Worum ging es konkret?

Die Klägerin, ein Fachplanerin für Medizin- und Versorgungstechnik, behauptete, sie habe über Jahre eine eigene, herstellerneutrale Symbolbibliothek entwickelt. Diese Symbole seien in der Branche bekannt und würden sich von Darstellungen anderer Planer unterscheiden. In Bauantragsunterlagen für den Wiederaufbau und die Erweiterung einer Krankenhaus-Urologie seien genau diese Symbole übernommen worden. Die Klägerin verlangte Unterlassung sowie Auskunft, Rückruf/Vernichtung, Schadensersatzfeststellung und Erstattung von Abmahnkosten.

Die Beklagten entgegneten, die Symbole seien branchenüblich, für die Lesbarkeit erforderlich und teils durch Standards und Konventionen geprägt. Außerdem sei vielfach lediglich vorhandenes Material für die CAD-Nutzung aufbereitet worden.

Warum scheiterte der Urheberrechtsschutz?

Das Landgericht Köln verneinte für den überwiegenden Teil der streitigen Symbole die urheberrechtliche Schutzfähigkeit. Entscheidend war der Maßstab des unionsrechtlichen Werkbegriffs: Geschützt ist nur, was eine eigene geistige Schöpfung ist, in der sich die Persönlichkeit des Urhebers durch freie kreative Entscheidungen widerspiegelt.

Bei typischen Symbolen in technischen Plänen sieht das Gericht den Gestaltungsspielraum oft als stark eingeschränkt an:

Die Symbole müssen Gegenstände so darstellen, dass sie für Planprüfer und Ausführende erkennbar und lesbar sind. Gleichzeitig sollen sie herstellerneutral bleiben. Hinzu kommen Standards, Branchenkonventionen und die praktische Erwartung, dass ähnliche Dinge auch ähnlich dargestellt werden. In dieser Gemengelage fehlt es häufig an einem hinreichenden Raum für kreative Individualität.

Ein weiterer Punkt war dem Gericht besonders wichtig: Für geläufige Formen und Zeichen besteht ein Freihaltebedürfnis. Solche Darstellungen werden benötigt, um Informationen überhaupt vermitteln zu können. Ein Ausschließlichkeitsrecht an naheliegenden, konventionellen Symbolen würde die technische Kommunikation unnötig blockieren.

Komplexere Symbole: theoretisch möglich, praktisch aber oft Darlegungsproblem

Das Gericht hat nicht ausgeschlossen, dass einzelne komplexere Symbole eher schutzfähig sein können. Dort kann es Gestaltungsspielräume geben, die über das rein Funktionale hinausgehen.

Im konkreten Fall scheiterte die Klägerin jedoch zusätzlich an der Darlegung, wer Urheber der (möglicherweise) schutzfähigen Symbole ist und welche konkreten kreativen Entscheidungen welchen Personen zuzuordnen sind. Die Klägerin hatte im Kern auf eine Teamleistung verwiesen, während die Beklagten bestritten, dass diese Symbole tatsächlich neu geschaffen wurden. In einer solchen Konstellation verlangt das Gericht eine konkrete, nachprüfbare Zuordnung der schöpferischen Beiträge. Ein allgemeiner Vortrag nach dem Muster „das Team hat die Symbole entwickelt“ genügt dann nicht.

Gilt das auch für Symbole außerhalb von CAD?

Ja, die Kernaussagen lassen sich in weiten Teilen auf Symbole und Piktogramme außerhalb von CAD-Kontexten übertragen.

Entscheidend ist nicht die Software, sondern die Funktion des Zeichens. Wo Symbole primär der standardisierten Informationsvermittlung dienen (z. B. technische Piktogramme, Bedien- und Sicherheitszeichen, schematische Icons in Handbüchern, einfache Lage- und Funktionssymbole), gelten ähnliche Spannungen wie im Urteil: Lesbarkeit, Konventionen, technische Zwänge und ein Freihaltebedürfnis können den Spielraum für urheberrechtlich relevante Kreativität so weit einengen, dass kein Werk entsteht.

Umgekehrt heißt das nicht, dass jedes Symbol automatisch schutzlos ist. Individuell gestaltete Zeichen mit eigenständiger Prägung können urheberrechtlich geschützt sein, vor allem wenn sie nicht nur eine naheliegende, austauschbare Darstellung einer Funktion oder Sache sind. Zusätzlich kommen außerhalb des Urheberrechts je nach Einsatzbereich andere Schutzrechte in Betracht, etwa Markenrecht (z. B. Logos), Designschutz oder lauterkeitsrechtliche Ansprüche. Das Urteil zeigt aber: Wer Schutz beansprucht, muss sauber herausarbeiten, welche konkreten kreativen Entscheidungen das Zeichen prägen und warum es nicht im Wesentlichen durch Funktion und Üblichkeit vorgegeben ist.

Kein Rettungsanker über Wettbewerbsrecht (UWG)

Hilfsweise wollte die Klägerin über den ergänzenden wettbewerbsrechtlichen Leistungsschutz zum Ziel kommen. Auch das lehnte das Landgericht Köln ab. Die Symbole seien in Bauzeichnungen typischerweise nur untergeordnete Elemente einer Gesamtplanung. Auftraggeber und ausschreibende Stellen entschieden erfahrungsgemäß nicht wegen einzelner Piktogramme, sondern wegen der Gesamtleistung. Damit fehlte es den einzelnen Symbolen an der erforderlichen wettbewerblichen Eigenart.

Fazit

Das Landgericht Köln setzt die Hürden für den Schutz von Standardsymbolen hoch. Wer Zeichen entwickelt, die vor allem funktional, lesbar und branchenüblich sein müssen, wird urheberrechtlich oft nicht weit kommen. Und selbst dort, wo Schutz denkbar wäre, entscheidet die saubere Darlegung von Urheberschaft und Rechtekette häufig den Prozess.

Gericht: Landgericht Köln (14. Zivilkammer)
Datum: 05.03.2026
Aktenzeichen: 14 O 195/24
Fundstelle: NRWE; REWIS RS 2026, 1709

Urheberrechtlicher Schutz für Kassettenschlüsselanhänger verneint: Klage vor dem LG Stuttgart erfolglos

In einem aktuellen Urteil hat das Landgericht Stuttgart (Urteil vom 29.04.2025, Az. 17 O 412/24, nicht rechtskräftig) eine Klage wegen Urheberrechtsverletzung und unlauteren Wettbewerbs im Zusammenhang mit einem Kassettenschlüsselanhänger vollumfänglich abgewiesen. Die von uns vertretene Beklagte konnte sich gegen die Ansprüche eines belgischen Herstellers erfolgreich verteidigen.

Worum ging es?

Die Klägerin, ein Unternehmen aus Belgien, produziert und vertreibt dekorative Gebrauchsgegenstände, darunter auch einen Schlüsselanhänger in Form einer handelsüblichen Musikkassette.

Sie machte geltend, dass es sich dabei um ein urheberrechtlich geschütztes Werk der angewandten Kunst handelt. Daneben stützte sie ihre Klage hilfsweise auf wettbewerbsrechtliche Vorschriften.

Im Mittelpunkt stand der Vorwurf, unsere Mandantin habe einen nahezu identischen Schlüsselanhänger auf Messen in Hamburg und Frankfurt ausgestellt und zum Verkauf angeboten. Gefordert wurde ein umfassendes Unterlassungsgebot, Auskunft, Herausgabe zur Vernichtung sowie Feststellung der Schadensersatzpflicht.

Die Entscheidung des Gerichts

Das Landgericht Stuttgart hat die Klage in vollem Umfang abgewiesen.

  1. Kein Urheberrechtsschutz: Der von der Klägerin entworfene Kassettenschlüsselanhänger sei kein Werk der angewandten Kunst im Sinne von § 2 Abs. 1 Nr. 4 UrhG. Die Gestaltung basiere im Wesentlichen auf der Form klassischer Audiokassetten und erreiche nicht die erforderliche Schöpfungshöhe. Es handle sich um eine rein handwerkliche „Miniaturisierung“ eines bekannten Produkts.
  2. Kein wettbewerbsrechtlicher Schutz: Auch unter dem Gesichtspunkt des wettbewerblichen Leistungsschutzes (§ 4 Nr. 3 UWG) konnte die Klägerin keinen Erfolg erzielen. Das Gericht verneinte eine wettbewerbliche Eigenart des Produkts, da es sich bei dekorativen Schlüsselanhängern um sogenannte „Allerweltsprodukte“ handle, bei denen die angesprochenen Verkehrskreise keinen besonderen Herkunftshinweis aus der Gestaltung ableiten.

Fazit

Das Urteil unterstreicht die Anforderungen an den Urheberrechtsschutz von Gebrauchsdesigns und die Notwendigkeit einer klaren Abgrenzung zu bereits bekannten Formgestaltungen. Auch die Anforderungen an den wettbewerbsrechtlichen Leistungsschutz wurden deutlich herausgearbeitet.

Unsere Kanzlei konnte in diesem Verfahren die Klage erfolgreich abwehren und damit eine aus unserer Sicht wichtige Entscheidung zur Abgrenzung von schutzfähigen Gestaltungen bei Gebrauchsgegenständen mit dekorativem Charakter herbeiführen.

OLG Hamburg: Keine wettbewerbswidrige Herkunftstäuschung bei Modeschmuck

In einem Streit um die Nachahmung von Designs der bekannten „Geo-Cube“-Schmuckserie hat das Hanseatische Oberlandesgericht Hamburg (Urteil vom 06.02.25, AZ: 15 U 43/24) entschieden, dass die beanstandeten Produkte der Beklagten keine unlautere Nachahmung im Sinne des § 4 Nr. 3 UWG darstellen. Die Klage auf Unterlassung, Auskunft und Schadensersatz wurde vollständig abgewiesen.

Hintergrund:
Die Klägerin – Herstellerin der seit 2005 vertriebenen „Geo-Cube“-Serie – sah ihre Schmuckdesigns durch drei von der Beklagten über „otto.de“ angebotene Halsketten verletzt. Diese orientierten sich gestalterisch ebenfalls an geometrischen Formen, insbesondere Würfeln, und ahmten die Anordnung der Elemente nach.

Produkt der Klägerin:

Produkt der Beklagten:

Was war streitig?
Die Klägerin hatte geltend gemacht, dass ihre „Kernmodelle“ durch die besondere Kombination hochwertiger Materialien, geometrischer Formen (insb. Würfel, Zylinder, Metallplättchen) und Farbvarianten wettbewerbliche Eigenart aufweisen. Die Beklagte bestritt dies und verwies auf zahlreiche ähnliche Designs im Marktumfeld.

Wesentliche Erwägungen des Gerichts:

  • Wettbewerbliche Eigenart: Das Gericht erkannte eine durchschnittliche wettbewerbliche Eigenart des Klagemusters an – begründet durch die spezifische Kombination und Wiederholung der Designelemente und den hochwertigen Gesamteindruck. Einzelne Elemente wie Würfel oder Zylinder sind jedoch freihaltungsbedürftig und für sich genommen nicht schutzfähig.
  • Keine unlautere Nachahmung: Die angegriffenen Produkte stellten nach Auffassung des Senats zwar eine nachschaffende Nachahmung dar, wichen jedoch in Qualität, Preis und Ausführung sichtbar ab. Entscheidend: Es lag keine „nahezu identische“ Nachahmung vor.
  • Keine Herkunftstäuschung: Weder eine unmittelbare noch eine mittelbare Herkunftstäuschung konnte festgestellt werden. Die angesprochenen Verkehrskreise würden aufgrund der erkennbaren qualitativen Unterschiede, des günstigeren Preises sowie der Anbieterkennzeichnung („Tr.schmuck“) nicht annehmen, es handele sich um Originalware oder eine Zweitlinie der Klägerin.
  • Keine unlautere Rufausnutzung: Auch insoweit verneinte das Gericht eine Unlauterkeit: Der bloße Umstand, dass eine ähnliche Gestaltung verwendet wird, genügt nicht, um eine unangemessene Ausnutzung der Wertschätzung des Originals anzunehmen.

Fazit für Unternehmer:
Diese Entscheidung betont, dass bei modischen Produkten wie Schmuck nur die konkrete Ausgestaltung – nicht jedoch die gestalterische Idee selbst – wettbewerbsrechtlich geschützt ist. Wer gestalterisch ähnliche Produkte anbietet, sollte auf Unterschiede im Gesamteindruck, Qualität, Preissegment und Kennzeichnung achten. Nur nahezu identische Kopien hochwertiger Designs können unlauter sein – bloße Anlehnungen sind zulässig.